Kritische Theorie in the mix
Die Luft in der Diskothek ist schwer. Gesättigt von Zigarettenqualm, schwitzig getanzten Menschen und dem süßlichen Duft von Wodka-Orange. Mittendrin zwei gequält dreinblickende Gestalten – sichtlich angestrengt. Die Musik dröhnt: »Hölle, Hölle, Hölle«.
Begleiter: Oje, dass die hier so eine Musik spielen, habe ich nicht gewusst … oder magst du Schlager etwa?
Adorno: »Sucht man [...] auszufinden, wem ein marktgängiger Schlager ›gefalle‹, so kann man sich des Verdachtes nicht erwehren, daß Gefallen und Mißfallen dem Tatbestand unangemessen sind, mag immer der Befragte seine Reaktionen in jene Worte kleiden. Die Bekanntheit des Schlagers setzt sich an Stelle des ihm zugesprochenen Wertes: ihn mögen, ist fast geradeswegs dasselbe wie ihn wieder erkennen.« (FM, S. 14 f.)
Begleiter: Aber jeder hat doch einen ganz persönlichen Musikgeschmack, der nicht mit etwaigen Hitlisten konform gehen muss…
Adorno: »Der Begriff des Geschmacks selber ist überholt. Die verantwortliche Kunst richtet sich an Kriterien aus, die der Erkenntnis nahekommen: des Stimmigen und Unstimmigen, des Richtigen und Falschen. Sonst aber wird nicht mehr gewählt; die Frage wird nicht mehr gestellt, und keiner verlangt die subjektive Rechtfertigung der Konvention.« (FM, S. 14)
Begleiter: Was genau meinst du damit?
Adorno: »[Die Industrie] betreibt den Schematismus als ersten Dienst am Kunden (KI, S. 132). Es ist, als hätte eine allgegenwärtige Instanz das Material gesichtet und den maßgebenden Katalog der kulturellen Güter aufgestellt, der die lieferbaren Serien bündig aufführt.« (KI, S. 143) »[E]inem Schlager [beispielsweise] wird heute eher nachgesehen, wenn er sich nicht an die 32 Takte oder den Umfang der None [Klammer: Als None (von nonus [lat.]: der Neunte) bezeichnet man in der Musik den neunten Ton einer diatonischen Tonleiter oder ein Intervall, das neun Tonstufen umfasst.] hält, als wenn er das geheimste melodische oder harmonische Detail bringt, das aus dem Idiom
herausfällt.« (KI, S. 137) »Die ganze Welt wird durch das Filter der Kulturindustrie
geleitet.« (KI, S. 134)
…
Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Was mit Medien. Theorie in 15 Sachgeschichten.
