Eine mediologische Milieustudie mit Régis Debray
»Alle lieben Wikipedia!«, jubelt der stern. »Die Wikipedia ist eines der Leitmedien des
World Wide Web«, konstatiert DIE ZEIT. Und die Süddeutsche Zeitung erkennt in Wikipedia eine der wenigen »Gala-Vorstellungen« – inmitten von »Loser-Generated-Content«, »Relativität« und »Schwarmimpertinenz« des Web 2.0.
Natürlich will der kritische Umgang mit der Webenzyklopädie gelernt sein, schiebt der stern diskret hinterher. Und DIE ZEIT gibt ihren Lesern gar Tipps zur Objektivitätskontrolle von Wiki-Artikeln an die Hand. Die deutsche Presselandschaft – so viel liest sich zwischen den Zeilen – traut dem viel beschriebenen Netzwissen also nicht, oder besser gesagt: in keiner bisherigen Form
Hinsichtlich der neuen, partizipativen Webgeneration spricht sie von Schwarmintelligenz und Weisheit der Massen. Jedoch nur, um im gleichen Atemzug von unbeständiger Suchmaschinenbildung und böswilligem Meinungswissen zu reden.
Diese schizophrene Berichterstattung erklärt sich zum einen dadurch, dass sich die Meinungsführer von der Schar selbstbewusster Unwissender bedroht sehen. Zum anderen kanalisieren die Printmedien schlicht die (Selbst)Zweifel unserer Wissensgesellschaft, die sich gegenwärtig in einer Krise befindet – genauer gesagt seit Web 2.0 und seinen Anwendungen. Damit ist die Wissensgesellschaft ein klassischer Fall für die Mediologie! Die Mediologie kennt sich nämlich bestens mit beunruhigten Gesellschaften und Unruhestiftern à la Wikipedia und Google aus. Sie hat eine Methode entwickelt, um die Beziehungen zwischen technischen Faktoren, symbolischer Produktion und sozialen Praktiken zu analysieren, wie sie im System ›Medium‹ aufeinandertreffen und mitunter allgemeines Unbehagen auslösen – so zu beobachten am Internet und seinen Anwendungen.
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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Was mit Medien. Theorie in 15 Sachgeschichten.
