3.2 Fragmente einer Geschichte des Löschens
Ein Hoch auf das Vergessen mit Platon und Sigmund Freud
1. Briefe zur Post
2. Schuster
3. Ebay-Überweisung
4. Einwohnermeldeamt
5. Zahnpasta, Klopapier, Duschgel
6. Mama anrufen
Was man nicht im Kopf hat, steckt meist in der Hosentasche – und zwar in Form kleiner to-do-Listen, die dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, wenn es zu versagen droht. Ein jeder kann sich auf diese Weise die persönlichen Erinnerungs-Lasten im wahrsten Sinne des Wortes von der Seele schreiben und seine Merk-Zettelchen nebst Erinnerungsfunktionen im Handy oder gar Notizen auf dem Handrücken für das imperative ›Daran-Denken‹ verantwortlich machen.
Möglich gemacht hat das die Schrift, die ultimative Technik der Entäußerung unseres Gedächtnisses.
Etwas extravagantere Gedächtnishilfen waren die sogenannten ›Graeculi‹: römische Sklaven griechischer Abstammung, die über ein hervorragendes Gedächtnis verfügten und ihre Besitzer unterstützten, »indem sie für diese Wissenswertes [...] einprägten und ihnen bei Bedarf vorsagten«. Schönpflug, Wolfgang, Eigenes und fremdes Gedächtnis. Zur Rolle von Medien in Erweiterten Gedächtnissystemen, in: Koch, Peter/Krämer, Sybille (Hg.), Schrift, Medien, Kognition. Über die Exteriorität des Geistes, Tübingen 1997, S. 196–185, hier S. 170.
Durch sie erfahren unsere Gedanken eine visuell wahrnehmbare Form (etwa im Alphabet), eine Ortsgebundenheit (etwa auf Papier), und können so der verblassenden Kraft der Zeit trotzen. Gedanken und Sprache werden durch Schrift fixiert.
»Nicht so schnell!«, wird der geübte Medientheoretiker an dieser Stelle einwenden. Denn die These, dass die Schrift die Sprache fixiere, ist keinesfalls allseitig akzeptiert. Jacques Derrida ist einer ihrer populärsten Gegner – und widerspricht damit etwa de Saussures Hierarchisierung vom übergeordneten Signifikat (Sinn)und nachgeordneten Signifikanten (z.B. Schrift). Pfeil: De Saussures Stellungnahme zu diesen signifikanten Zeichen-Angelegenheiten in Der Mythos Latte macchiato; Derridas Sicht der Dinge in: Derrida, Jacques, Grammatologie, Frankfurt a.M. 1998.]
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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Was mit Medien. Theorie in 15 Sachgeschichten.