1.1 Alles Medium oder Was

Fritz Heider von Medien umgeben

Nach 100 Metern rechts abbiegen.
Jetzt: rechts abbiegen.
Dem Straßenverlauf für 3,2 Kilometer folgen …
- Schön, wenn heute wenigstens einer an Bord weiß, wo’s langgeht!


Vor noch gar nicht allzu langer Zeit gehörten frühzeitiges Routenplanen und Kartenlesen zu jeder längeren Autofahrt. Seit jedoch GPS

Global Positioning System: Im Prinzip wird jedes satellitengestützte Navigationssystem so genannt – meistens ist jedoch das ›NAVSTAR-GPS‹ des US-Verteidigungsministeriums gemeint, das 2000 auch für die zivile Nutzung freigegeben wurde. Es basiert auf 21 Satelliten, die, angeordnet auf sechs kreisförmigen Bahnen, die Erde in 20.200 km Höhe umkreisen und das zweimal pro Sternentag. Meyers Lexikonverlag, GPS. Elektronisch veröffentlicht unter: http://lexikon.meyers.de/meyers/GPS [Stand: 01.02.2008].

die Welt übersichtlicher gemacht und die genaue Positionsbestimmung von Fahrzeugen ermöglicht hat, leiten moderne Navigationssysteme den zielstrebigen Menschen von heute. Längst sind die Augen des Fahrers nicht mehr auf einen Punkt am Horizont, sondern auf einen kleinen Monitor im Cockpit gerichtet und statt auf die hilfreichen Vorschläge des Beifahrers zu hören, leistet er den Befehlen einer freundlichen Maschinenstimme Folge. Denn egal wie oft über unausgereifte Software, Fehlleitungen oder umständliche Bedienung geschimpft wird: Es ist Not an der Frau oder am Mann, sollten Bordcomputer oder Handhelds tatsächlich streiken! Sind die Autofahrer erst einmal auf die eigenen Sinne gestellt und damit der Orientierungslosigkeit preisgegeben, erscheinen ihnen die Apparate wieder sehr nützlich. Und dazu kommt es schnell: Bereits ein heftiges Schneegestöber kurz vor der vermuteten Abfahrt wird zum blinden Wettlauf gegen die Zeit, weil Festkörper, hier Schneeflocken, die GPS-Signale stören. Empfangen werden die von Satelliten ausgesandten Positionssignale samt Sendezeiten nämlich am besten, wenn die Luft rein ist und kein Ding ihren Weg kreuzt – oder vielmehr ihre Wege. Ein GPS-Empfänger bedarf der Information von mindestens vier Satelliten, um seine Echtzeitpositionierung sowie seine Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung zu berechnen.

Erkenntnis ohne Grenzen

Gut vorstellbar, dass auch Fritz Heider (1896-1988) seine helle Freude an neumodischen Gadgets gehabt hätte, die es dem Menschen erlauben, sich dank modernster Technologie in der Welt zurechtzufinden. Immerhin hat den Wahrnehmungspsychologen seinerzeit die Frage beschäftigt, wie wir unsere Außenwelt erkennen und uns zu ihr in Bezug setzen. Dabei interessierte ihn weniger der Mensch als Signalempfänger und was in einer wahrnehmenden Person passiert. Vielmehr wollte er wissen, welche Bedingungen die gegenständliche Umwelt erfüllen muss, damit der Mensch die ihn umgebenden Dinge wahrnehmen und sinnvoll in dieser Dingwelt handeln kann. Aus diesen Überlegungen entsteht Ding und Medium

Allgemein gilt das 1958 veröffentlichte The Psychology of Interpersonal Relations als Hauptwerk des Österreichers. Auch ist Heider eher als Begründer der Attributionstheorie bekannt. Ding und Medium entstand allerdings vor Heiders kriegsbedingter Emigration in die USA, erklärt Dirk Baecker im Vorwort der Neuauflage. Es geht zurück auf seine ›Berliner Jahre‹, als er u.a. mit den prominenten Gestaltpsychologen Max Wertheimer und Wolfgang Köhler zusammenarbeitete. Diese stellten seit den 1920er Jahren wahrnehmungspsychologische Untersuchungen zur Konstruiertheit unserer Wahrnehmung an. Dabei erforschten sie auch, inwiefern unsere Wahrnehmung die Welt nicht abbildet, sondern wir uns diese Welt nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten konstruieren: eine Frage, der sich später diverse Konstruktivisten zuwenden sollten. Baecker, Dirk, Vorwort, in: Heider, Fritz, Ding und Medium, hg. von Dirk Baecker, Berlin 2005 (1926), S. 7-20, hier S. 7 f.

, ein 1926 veröffentlichter Aufsatz, in dem Heider nicht nur seine Sicht der ›Dinge‹ darlegt, sondern auch sein Verständnis vom ›Medium‹ als etwas, was uns Kunde von den Dingen gibt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Was mit Medien. Theorie in 15 Sachgeschichten.

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