2.3 Der Mythos Latte macchiato

Auf einen semiotischen Kaffee mit Roland Barthes

Seit wann kann man eigentlich keinen normalen Kaffee mehr trinken? Nach Espresso und Cappuccino hat ja seit geraumer Zeit ein regelrechtes Latte-macchiato-Fieber das neue Genießerdeutschland gepackt. Kaum einer, der sich der Köstlichkeit aus Italien noch entziehen kann oder will. Der gemeine Deutsche hat die Nase scheinbar voll von der schnöden Tasse Kaffee. Espresso stellt für das Gros keine Alternative dar, weil zu stark, und Cappuccino ist 90er und damit raus.

Einen neuen Kaffeeschmaus braucht das Land und bekommt ihn auch prompt serviert – und zwar nicht in einer gewöhnlichen Tasse, sondern in einem dickwandigen Glas. In dieses wird erst heiße aufgeschäumte Milch gegeben und anschließend ein einfacher oder doppelter Espresso behutsam zugegossen. Alte Zutaten, neues Design, denn durch die unterschiedlichen Dichten von Milch, Schaum und Espresso erhält man ein dreischichtiges, schmackhaftes Kaffeegetränk, das auch optisch etwas hermacht. Nicht ohne Grund muss sich die verschmähte Tasse Kaffee da fragen: Was hat der, was ich nicht habe?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Was mit Medien. Theorie in 15 Sachgeschichten.

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