1.2 Mein Medium und ich (Volltext)

Marshall McLuhan und seine Prothesen

Ein schöner Sonntagnachmittag, die Sonne scheint, du sitzt im Café und freust dich auf einen frisch gepressten Orangensaft. Noch schnell eine nette SMS an die beste Freundin, schließlich hast du dich schon eine ganze Weile nicht gemeldet.
Nur wo in dieser Riesentasche hat sich bloß diesmal das Handy versteckt?
Wühl. Kram … Taschentücher, Portemonnaie, Haustürschlüssel – kein Handy.
Erster Panikanflug.
Hast du es zu Hause liegen lassen? Oder, Gott bewahre, etwa verloren?
Totale Panikattacke.
O.K., wo hattest du es zum letzten Mal? War das noch heute oder wann?
Oje, oh nein! Fieberhaftes Suchen. Der Kampf: Mensch gegen Unordnung in Tasche.
Die erste Träne kündigt sich an. Nicht aufgeben, weitersuchen! Andere Optionen checken: Hosentasche … Jackentasche … Innenseite – da ist es, Gott sei Dank! Freude. Endlose. Du bist wieder komplett

So ist das heutzutage mit dem Mobiltelefon: Zu keiner Sekunde können oder wollen wir es entbehren – es ist ein richtiger Teil unserer selbst geworden, es geht nicht mehr ohne. Aber woher rührt diese Abhängigkeit eigentlich? Liegt sie wirklich nur an unserem Bedürfnis, ständig und überall erreichbar zu sein? Oder etwa an der Tatsache, dass Handys einem so schön über den einen oder anderen Moment der Langeweile hinweg helfen können? Man denke nur an diese grausamen Situationen, in denen man alleine an der Straßenecke auf jemanden warten musste, oder die Party, auf der man niemanden kannte. Hätte man da kein Handy gehabt, um über den persönlichen Begleit-Notstand hinwegzutäuschen… Man will gar nicht daran denken. Immerhin suggeriert das angestrengte Spielen mit den kleinen elektronischen Freunden zufälligen Beobachtern, dass man gerade beschäftigt ist und dass da jemand am anderen Ende ist, mit dem man sich unterhält oder dem man eine Nachricht schreibt. Handys visualisieren damit nicht nur eine Qualität des Gerade-nicht-verfügbar-Seins, sondern auch das persönliche soziale Netz. Lästige Bimmeleien und einseitige Gesprächsausschnitte tun auf akustischer Ebene ihr Übriges. Kein Wunder also, dass wir bezüglich unserer Handys zu sprichwörtlichen Klammeraffen werden, wann immer es darum geht, Nervositäten zu überspielen oder Beschäftigungslücken zu bekämpfen. – Handys, die Zigaretten des 21. Jahrhunderts?
Unabhängig aber von der definitiven Klärung der Gründe ihres Siegeszuges werden heutzutage nur noch die demonstrativ Technik-Resistenten bestreiten, wie sehr uns die mobilen Endgeräte mittlerweile ans Herz beziehungsweise an die Finger gewachsen sind. – Ohne Handy fehlt einfach etwas!

Medial verlängert

Bereits in den 1960er Jahren, lange vor dem Zeitalter der Handys und der damit einhergehenden Manie, stellte der Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker Marshall McLuhan (1911-1980) die These auf, dass Medien als Verlängerungen des menschlichen Körpers verstanden werden können: als nach außen verlagerte Körperteile und Organe, die gewisse Funktionen unserer menschlichen Körper übernehmen und uns auf diese Weise entlasten. Ihre Abtrennung vom unzulänglichen und beengenden System ›Mensch‹ befähigt diese Körperteile dazu, sich in der Außenwelt zu erweitern und zu perfektionieren. Das Handy wäre somit eine Verlängerung unserer Stimme und unseres Gehörs: Es erlaubt uns, mit weit entfernten Menschen zu reden, unsere Stimme an Orte zu bringen, an denen wir nicht anwesend sind, und von diesen Orten auch Hörbares zu empfangen.

Der Begriff des Mediums steht bei McLuhan also nicht nur für elektronische Apparate oder Massenmedien, wie er gängigerweise definiert wird, sondern für alle Techniken, Gerätschaften und Erfindungen, die bestimmte Teile oder Funktionen des menschlichen Körpers ausweiten: Der Hammer ist ein Medium, da er eine Verlängerung des Armes darstellt, die zu neuer Schlagkraft verhilft; die Brille ist ein Medium, da sie, als Erweiterung des Auges, dem Sehsinn ›unter die Arme‹ greift; Kleidungsstücke sind Medien, da sie uns als Ausweitung unserer Haut helfen, Energie zu speichern und zu verteilen und so fort.
Das mag zunächst seltsam klingen, ist aber gar nicht so abwegig. Denn der Gedanke McLuhans, den Ursprung jeder Technik, jedes Mediums in einem ganz bestimmten Körperorgan zu sehen, steht in einer langen Tradition: Bereits der Geograph und Philosoph Ernst Kapp (1808-1896) konstatierte Ende des 19. Jahrhunderts in seinen Grundlinien einer Philosophie der Technik, dass der Mensch bei allem, was er tut und denkt, und somit auch bei allem, was er erzeugt, immer nur von sich selbst ausgehen könne.

Dieter Mersch weist in seinen Ausführungen zu Marshall McLuhan darauf hin, dass bereits vor Ernst Kapp auch andere den Menschen als »Mängelwesen« definierten, das sich mittels diverser Techniken perfektioniere – etwa Herder oder Nietzsche. Mersch, Dieter, Medientheorien. Zur Einführung, Hamburg 2006, S. 105-127, hier S. 109.

Jedes vom Menschen geschaffene Werkzeug wäre damit eine meist unbewusste Nachbildung menschlicher Körperorgane oder -funktionen, eine »Organprojection«, welche sich auf einen »antropologischen Massstab« zurückführen ließe.

Mehr über Prothesen und projizierte Organe gibt es nachzulesen bei: Kapp, Ernst, Grundlinien einer Philosophie der Technik, Düsseldorf 1978 (1877), S. 1 ff.

Auch der bekannte Gründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) wertete Werkzeuge 1930 als Vervollkommnungen der menschlichen Organe, die die »Schranken für ihre Leistung« beiseiteräumen.

Freuds Gedanken zur Beziehung Mensch/Technik: Freud, Sigmund, Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften, Frankfurt a.M. 2000 (1930), S. 56 f.

Sie seien Kräfte, die uns dabei helfen, Mängel zu korrigieren und unsere Grenzen zu überwinden – ein harmonisches Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik, das den Menschen seinem Idealbild immer näher bringt. Klingt wie aus einem Märchen, findet Freud, und krönt den Menschen mit dem ›fabelhaften‹ Titel des »Prothesengotts«.
Diesen ›Link‹ zwischen unseren Sinnen und Körperfunktionen auf der einen Seite und Medien auf der anderen sehen wir Menschen allerdings meist nicht direkt. Wir begreifen Medien und Technik im Allgemeinen nicht als Projektionen unserer selbst, sondern als ›selbstständige‹, der Umwelt zugehörige Gegenstände.

»Solange wir die narzißtische Haltung einnehmen und die Ausweitungen unseres eigenen Körpers als in Wirklichkeit draußen befindlich und von uns unabhängig betrachten, werden wir bei allen Herausforderungen der Technik immer wieder die gleiche Bananenschalenpirouette drehen und dann zusammenbrechen.«
McLuhan, Marshall, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Düsseldorf 1992, S. 87.

McLuhan erklärt sich dieses Phänomen der Verdrängung dadurch, dass sich die Medien wie bei einer (Selbst-)Amputation schockartig vom Körper abtrennen. Dieser scheinbar dramatische körperliche Verlust löst jedoch bei uns Menschen zunächst keinen ›Schmerz‹ aus, sondern versetzt uns vielmehr in eine Art Lähmungszustand, der verhindert, dass wir trotz oder gerade wegen unseres täglichen Umgangs mit Medien diese nicht als Abbilder unserer selbst identifizieren. »Selbstamputation schließt Selbsterkenntnis aus« , schreibt McLuhan.

Zum Thema ›Medien als Selbstamputationen unserer Körper‹: McLuhan, Die magischen Kanäle, darin das Kapitel Verliebt in seine Apparate. Narzißmus als Narkose, S. 57-64, hier S. 59.

Illustrieren lässt sich dieser Vorgang gut durch das Bild einer menschlichen Maschine: Hände, Arme, Beine, Augen, Nase, Ohren, Herz, Leber – sie alle entsprechen Maschinenteilen, die jeweils bestimmte Funktionen erfüllen. Das zentrale Nervensystem ist der empfindlichste Teil der Maschine, da er nicht nur mit allen anderen Teilen verbunden ist, sondern auch für die sinnlichen Wahrnehmungen zuständig ist und nicht überreizt werden darf. Läuft nun ein Maschinenteil durch Überbeanspruchung, Stress oder Reizüberflutung heiß, stößt die Maschine es ab, bevor das zentrale Nervensystem dadurch beschädigt wird.

»Unsere Sprache kennt viele Ausdrücke, die auf diese Selbstamputation hinweisen, zu der uns verschiedene Arten des Drucks von außen zwingen. Wir sagen, ›es ist zum aus der Haut fahren‹ oder ›außer sich sein‹ [...].« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 58.

Ein Fuß, der zu schnell gehen muss, oder ein Auge, das zu weit Entferntes erfassen soll, wird durch eine ›externe‹ Technik entlastet, welche die entsprechende Aufgabe des menschlichen Körpers übernimmt, sollte dieser an seine sprichwörtlichen Grenzen stoßen.

Schon Freud erkannte allerdings ein lamentables Moment an diesem Prozess der humanoiden Ausweitung: Anstatt seine Fertigkeiten körperintern zu perfektionieren, macht sich der Mensch von äußeren Hilfsmitteln abhängig.

Über die Abhängigkeit des Gedächtnisses von schriftlichen Aufzeichnungen unterrichten uns Freud und andere in den Fragmenten einer Geschichte des Löschens.

McLuhan geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er die Menschen als »Servomechanismen« der Technik bezeichnet, die aus sich selbst heraus zwar alle technischen Objekte, alle Medien hervorbringen, sich dessen aber nicht bewusst sind und ihnen damit eine immense Macht verleihen. Der Mensch wird zum »Geschlechtsteil der Maschinenwelt«, so McLuhan.

McLuhan vergleicht in diesem Zusammenhang die Rolle des Menschen für die Maschinenwelt mit jener der Biene für die Pflanzenwelt – beide sorgen fortwährend für neue ›Befruchtungen‹ und stellen damit eine sich stets erweiternde Vielfalt an Formen sicher. Aber auch die Maschinenwelt tut ihr Bestes, um ihre Beziehung zum Menschen am Laufen zu halten, schreibt McLuhan augenzwinkernd: »Die Welt der Maschine erwidert den Liebesbeweis des Menschen, indem sie seine Wünsche und sein Begehren schnell erfüllt, ihm nämlich Reichtum verschafft. Es war ein Verdienst der Motivforschung, daß sie die sexuellen Beziehungen des Menschen zum Auto aufdeckte.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 63.

Wenn die Sinne miteinander spielen

Durch diese menschlich-technische Befruchtung verändert sich aber nicht nur unsere Umwelt, in die wir beständig unsere Organe und Fertigkeiten in Form von Medien projizieren, sondern auch unsere Körper und unsere Wahrnehmung. Jede Verlagerung nach außen erzwingt ein neues Gleichgewicht: Unsere Körper müssen sich an die Verlängerung einzelner Sinne oder Körperteile anpassen und eine neue Balance finden. Dies betrifft vor allem das Zusammenspiel der Sinne, die durch externe Stimuli jeweils anders beansprucht werden: Isst man einen Apfel, schmeckt man das Fruchtfleisch, ertastet seine Konsistenz mit Zähnen und Zunge, fühlt seine glatte Schale an den Händen, sieht seine runde Form und Farbigkeit und riecht das süßliche Aroma. Das Zusammenspiel der Sinne ist beim Apfelessen anders als beim Küssen, Duschen oder Autofahren – es verändert sich entsprechend den äußeren Reizen. Auch jede neue Technik, jedes neue Medium ist ein neuer Reiz, der mal nur einen Sinn, mal verschiedene Sinne gleichzeitig anspricht, jedoch immer in einem anderen ›Mischungsverhältnis‹.
Um dieses Interplay of Senses besser verständlich zu machen, vergleicht Marshall McLuhan die menschlichen Sinne mit Farben: Farbempfindungen sind immer hundertprozentig. Wir sehen Orange, Grün oder Gelb unabhängig von den Komponenten bzw. den tatsächlichen Farbzusammensetzungen, die unendlich variieren können. Und unabhängig vom Mischverhältnis, egal, ob mehr Rot oder mehr Blau, kommt am Ende immer genau eine Farbe heraus – und nicht etwa ein Regenbogen. Farbmischungen ergeben sich immer aus den ihnen zugrunde liegenden Farbkomponenten, könnte man sagen. Diese sind im Endeffekt aber nicht mehr einzeln identifizierbar. Auch Sinne ergeben in ihrem Zusammenspiel immer eine Empfindung, eine Wahrnehmung. Neue Sinnesreize, von Medien ausgelöst, verändern entsprechend unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein als Ganzes und erweitern sie nicht nur in einem extensiven Sinne. Einen Brief mit Füller auf Papier zu schreiben ist ein anderes Sinneserlebnis, fordert ein anderes Zusammenspiel der Sinne, als beispielsweise eine E-Mail am Computer zu verfassen.

Im Kino verbrannt – am Telefon erfroren

Je nachdem wie Medien unsere Sinne aktivieren bzw. erweitern, teilt McLuhan sie in Kategorien ›heiß‹ und ›kalt‹ ein. Ein heißes Medium ist eines, das nur einen Sinn allein erweitert – diesen aber in solch einem Maße, dass er quasi ›heißläuft‹. Photographien aktivieren nach McLuhan beispielsweise durch viele optische Reize unseren Sehsinn extrem, das Radio beansprucht durch eine unerschöpfliche Fülle an Tönen ausschließlich unser Gehör, beide sind somit heiße Medien. Kalte Medien hingegen sind detailarm. Sie bieten den einzelnen Sinnen nur wenige Informationen, die deshalb vom Menschen vervollständigt werden müssen: Am Telefon etwa bekommt das Ohr nur wenige Informationen und eine Karikatur bietet dem Auge nur wenige optische Details. Kühle Medien verlangen also in hohem Maße persönliche Beteiligung oder Vervollständigung. Heiße Medien dagegen erfordern nur wenig Beteiligung. Deshalb kann man im Kino beispielsweise so schön abschalten, in die wohlige ›Wärme‹ eines Films eintauchen und sich, wie man es oft formuliert, ›berieseln‹ lassen.

»Der Grundsatz, nach dem sich heiße und kalte Medien unterscheiden, kommt genau in der Volksweisheit: ›Mein letzter Wille, eine Frau mit Brille‹ zum Ausdruck. Gläser verstärken das nach außen gerichtete Sehen und zeichnen das weibliche Imago überdeutlich, wenn ›sie‹ auch Marion heißt und Bibliothekarin ist. Sonnenbrillen andererseits erzeugen das undurchschaubare und unnahbare Vorstellungsbild, das sehr stark zur aktiven Teilnahme und Vervollständigung einlädt.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 46.

Diese heißkalte Differenz McLuhans lässt sich allerdings nicht immer aufrechterhalten. Man denke nur an eine extrem detaillierte, filigran gezeichnete Karikatur oder ein verschwommenes Photo. McLuhans Typologisierung der Medien mag zwar, was bestimmte Medien und ihre Wirkung auf die menschlichen Sinne betrifft, tendenziell sinnvoll sein, aber eine definitive Temperaturzuschreibung scheint oft schwierig. Vielmehr sind die Kategorien ›heiß‹ und ›kalt‹ dazu dienlich, bestimmte Medien miteinander zu vergleichen und voneinander abzugrenzen. Nicht zu vergessen ist deshalb McLuhans Hinweis darauf, dass »kein Medium Sinn oder Sein aus sich allein hat, sondern nur aus der ständigen Wechselwirkung mit anderen Medien«.

(McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 39.) Ein und dasselbe Medium kann – je nachdem, in welchen Gesellschaftsstrukturen und im Zusammenspiel mit welchen anderen Medien es zum Einsatz kommt – auch anders ›wirken‹. »Dennoch ist es etwas ganz anderes, ob ein heißes Medium in einer heißen oder einer kühlen Zivilisation eingesetzt wird. Das heiße Medium Radio hat, wenn es in einer kühlen oder nichtalphabetischen Kultur verwendet wird, aufpeitschende Wirkung, ganz anders als sagen wir in England oder Amerika, wo man das Radio als Unterhaltung auffaßt.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 45.
Mehr zur ›heißkalten‹ Differenzierung von Medien: McLuhan, Die magischen Kanäle, darin die Kapitel Heiße Medien und kalte, S. 35–47 und Die Umkehrung des überheizten Mediums, S. 48–56.

Grundsätzlich ist McLuhan jedoch der Meinung, dass heiße Medien durch ihre Intensität und ihren Detailreichtum eher Spezialisierung hervorrufen als kalte Medien. Als Beispiel nennt er etwa das ›heiße‹, visuell intensive phonetische Alphabet, das sich, im Gegensatz zur ›kühlen‹ hieroglyphischen Schrift, im Buchdruck auslagerte. An dieser Stelle zeigt sich auch exemplarisch, inwieweit ein heißes Medium, das einen vereinzelten Sinn zur sprichwörtlichen Weißglut treibt, in einer Veränderung innerhalb der Gesellschaft mündet, und zwar durch Auslagerung in eine neue Technik, in ein neues Medium. Der Mensch kann sinnliche Reize eben nur in ›abgekühlter‹ Form verdauen.

»Die Freudsche ›Zensur‹ ist weniger eine moralische Funktion als eine unbedingt notwendige Bedingung der Erfahrung. Wenn wir jeden Schock in unsere verschiedenen Bewußtseinsbezirke direkt und im vollen Umfang aufnehmen müßten, wären wir bald Nervenbündel mit Spätzündung, die jeden Augenblick den Bedienungsknopf für den Schleudersitz betätigten.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 37.

Für McLuhan steht deshalb fest, dass die Weise, wie der Mensch mit der Welt in Verbindung steht, wie er sie wahrnimmt und wie er sich selbst in ihr wahrnimmt, von den Medien abhängt, die ihm zur Verfügung stehen.

»Medien sind mehr als Techniken: Sie gleichen kompletten Milieus, die uns umhüllen, in denen wir uns bewegen, die uns prägen und die wir, gleich einer zweiten Haut, nicht abzustreifen vermögen.« Mersch, Medientheorien, S. 108.

Sinnlich wie umgangstechnisch wird der Mensch von Medien konditioniert und von ihnen zu bestimmten Verhaltensweisen bzw. Reaktionen nahezu ›provoziert‹. Das mag für manche reichlich deterministisch klingen, fühlt man sich doch als Herr seiner Sinne und Handlungen, leuchtet aber ein, wenn man sich vor Augen führt, dass der Mensch im McLuhan’schen Sinne seinen Apparaten ausgeliefert ist. Etwas salopp könnte man also sagen, dass Medien dem Menschen Probleme bescheren, die er ohne sie nicht hätte. Oder versöhnlicher: Medien schaffen (neue) Möglichkeits- und Wahrnehmungshorizonte.

Wie die Zeit vergeht mit Medien

So lässt sich im Laufe der Geschichte nachvollziehen, wie Medien die Welt in ihrer Form und die Gesellschaft in ihrem Verhalten, in ihrem Denken und ihrem Wissen beeinflusst und determiniert haben. McLuhan teilt die Geschichte dementsprechend in vier Epochen ein, die jeweils von einem bestimmten Leitmedium eingeläutet bzw. geprägt worden sind.

»Die Aufspaltung der Sinnesanlagen, die sich aus der technischen Erweiterung oder Hinausstellung des einen und anderen Sinnes ergab, ist ein dermaßen alles durchdringender Grundzug des vergangenen Jahrhunderts, daß wir uns heute zum erstenmal in der Geschichte bewußt geworden sind, wie diese Kulturumformungen ausgelöst werden. Wer zum erstenmal den Einbruch einer neuen Technik erlebt – handle es sich um das Alphabet oder das Radio –, reagiert auf äußerst lebhafte Weise, weil die neuen Sinnesverhältnisse, die von der technischen Erweiterung des Auges oder Ohres geschaffen werden, den Menschen vor eine überraschende neue Welt stellen, die eine nachhaltige ›Schließung‹ oder ein neuartiges Muster des Wechselspiels zwischen allen Sinnen hervorruft.« McLuhan, Marshall, Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Bonn 1995 (1962), S. 27 f.

In der oralen Kultur, die bis zum 5. Jahrhundert v.Chr. andauerte, war das Ohr das wichtigste Sinnesorgan. Jeder Austausch, jede Kommunikation fand verbal statt. Das Medium ›Sprache‹ setzte die Möglichkeiten und Grenzen einer Gesellschaft fest.
Diese Epoche wurde von der literalen Manuskript-Kultur abgelöst, die die Schrift mit sich brachte und bis zum 15. Jahrhundert anhielt. Die Schrift und insbesondere das phonetische Alphabet zerschlugen das Monopol des Hörsinns durch die Einbeziehung des Sehsinns. Die Menschen nahmen nun anders wahr, Informationen konnten auch visuell übermittelt werden und die Schrift machte es den Menschen einfacher, Regel- und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Dies kam einer grundlegenden Veränderung der Menschen und ihrer Beziehungen untereinander gleich.
Jenes Zeitalter der literalen Manuskript-Kultur wurde im 15. Jahrhundert wiederum vom Buchdruck revolutioniert und in die von McLuhan Gutenberg-Galaxis getaufte Epoche überführt: Durch die Typographie, nach McLuhan die wahrscheinlich erste Mechanisierung einer Handfertigkeit, wurde nicht nur erstmals eine uniforme Massenproduktion und -distribution von Geschriebenem möglich, sie zog auch eine weitere Konzentration auf den Sehsinn nach sich. Die Mechanisierung der Schreibkunst bewirkte eine Homogenisierung visueller Wahrnehmungen.
Dieser neue Typ der monopolistischen Sinneswahrnehmung wurde schließlich im 20. Jahrhundert mit der Verbreitung der Elektrizität erschüttert: Das elektrische Netz

»The Computer is by all odds the most extraordinary of all the technological clothing ever devised by man, since it is the extension of our central nervous system. Beside it, the wheel is a mere hula-hoop [...].« McLuhan, Marshall/Fiore, Quentin/Agel, Jermone, War and Peace in the Global Village, San Francisco 1997 (1968), S. 35.

stellt für McLuhan das nach außen verlagerte zentrale Nervensystem dar. Es verbindet alle daran angeschlossenen Einheiten und schafft auf diese Weise einen umfassenden Zusammenhang in der Welt, an dem jeder beteiligt ist. Die Welt schrumpft zum Dorf, zum Global Village, zusammen.

»Nach dreitausend Jahren der Explosion des Spezialistentums durch die technischen Ausweitungen unseres Körpers wirkt unsere Welt nun in einer gegenläufigen Entwicklung komprimierend. Elektrisch zusammengezogen ist die Welt nur mehr ein Dorf.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 13.

Das zuvor herrschende Monopol des Auges wird zerschlagen und die Menschheit befindet sich nun in einer veränderten Wahrnehmungssituation, bei der auch andere Sinne wieder aktiv werden.

Ein Medium ist ein Medium ist ein Medium

Die ›neuen Leitmedien‹ verdrängen im Laufe dieser Entwicklung ihre Vorgänger aber nicht, sie komplettieren, erweitern und verändern diese vielmehr. Der Inhalt eines Mediums ist deshalb immer ein anderes Medium. Ein Medium schließt immer ein anderes, meist vorhergehendes Medium ein: Der Inhalt einer SMS ist die Schrift, der Inhalt der Schrift ist die Sprache, der Inhalt der Sprache sind, laut McLuhan, die Gedanken.

»Auf die Frage: ›Was ist der Inhalt der Sprache?‹ muß man antworten: ›Es ist ein effektiver Denkvorgang, der an sich nicht verbal ist.‹« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 18.

Man kann in der Geschichte der Medien deshalb nicht wirklich von Brüchen zwischen aufeinander folgenden Medien sprechen oder von totalen Gegensätzen. Sie verweisen aufeinander. Daher versteht McLuhan die Geschichte als eine ständige Weiterentwicklung und Erneuerung von Medien, die gewisse Veränderungen für die Menschen nach sich ziehen, sowohl auf individuellpsychologischer als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.

Von Medienrevolutionen und dem Menschlichen in der Technik handelt übrigens auch Du bist Wissensgesellschaft.

The medium is the message

Medien sind also nicht nur Externalisierungen des menschlichen Körpers, sie verändern vielmehr die Situation des Menschen. Die Entscheidung, ob etwas ein Medium ist oder nicht, trifft McLuhan demnach nicht anhand der Materialität, der Funktion oder des Inhalts dieses Etwas, sondern anhand seiner Wirkung auf die Gesellschaft und die Menschen.

»›Der Sinn einer Botschaft ist die Veränderung, die sie in einem Vorstellungsbild hervorruft.‹ Größeres Interesse an der Wirkung als an der Bedeutung ist eine der grundlegenden Veränderungen unseres Zeitalters der Elektrizität; denn die Wirkung bezieht die Gesamtsituation und nicht nur eine Ebene der Informationsbewegung mit ein.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 40.

Somit ist es nicht wichtig, was genau über das Telefon besprochen wird, welche Sendung nun im Fernsehen läuft oder, wie McLuhan selbst sagt, ob eine Maschine Cornflakes oder Cadillacs produziert. Entscheidend sind die neuen Möglichkeiten, die ein Medium dem Menschen eröffnet, die Art, wie es Verhalten und Sinneswahrnehmungen prägt und den Fortgang der Gesellschaft in eine ganz bestimmte Richtung dirigiert. Diese Qualitäten oder Fähigkeiten sind es, die ein Medium ausmachen, sie sind seine eigentliche Botschaft, ganz unabhängig von seinen Inhalten. The medium is the message.

McLuhan, Die magischen Kanäle, insbesondere das Kapitel Das Medium ist die Botschaft, S. 17–34.

Das elektrische Licht, so McLuhan, illustriert diesen dogmatischen Satz, der zu einem der Slogans der Medientheorie geworden ist, am eingängigsten: Es ist vollkommen gleichgültig, ob Licht bei einem gehirnchirurgischen Eingriff oder einem nächtlichen Baseballspiel verwendet wird. Dadurch, dass das Medium ›elektrisches Licht‹ quasi inhaltslos ist und folglich für eine unendliche Anzahl von Dingen genutzt werden kann, zeigt es deutlich, dass die Botschaft eines Mediums nicht sein Inhalt ist, sondern die Art, wie es das menschliche Zusammenleben gestaltet. Dieser weite Möglichkeitshorizont, den die Medien bieten, hat aber seine Grenzen, denn der Inhalt eines Mediums ist auch immer geprägt durch dessen Rahmenbedingungen. Es ist egal, ob man ein Handy für wichtige Geschäftsanrufe, Notfälle oder belanglosen Plausch nutzt. Wichtig ist, dass man telefonieren kann, wo und wann man will.
Um also die wahre Botschaft eines Mediums erkennen zu können, muss man sich losmachen von dessen Inhalten. Man muss sich darauf konzentrieren, wie ein Medium das menschliche Zusammenleben verändert und steuert. Eine Beachtung seiner Inhalte macht gegenüber der Wesensart des Mediums nur blind. McLuhan ist sich also der Schwierigkeit dieses Unterfangens bewusst – und sieht doch eine Möglichkeit, den Lockrufen der Medieninhalte zu widerstehen.

»Denn jedes Medium hat die Macht, seine eigenen Postulate dem Ahnungslosen aufzuzwingen. Voraussage und Steuerung bestehen darin, diesen unterschwelligen narzißtischen Trancezustand zu vermeiden. Aber am meisten hilft in diesem Fall einfach die Erkenntnis, daß der Zauber sofort nach Kontaktaufnahme, wie bei den ersten Takten einer Melodie, wirken kann.«
»Denn der ›Inhalt‹ eines Mediums ist mit dem saftigen Stück Fleisch vergleichbar, das der Einbrecher mit sich führt, um die Aufmerksamkeit des Wachhundes abzulenken.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 26 und S. 29.

Wer dennoch denkt, dass es bei den Medien darauf ankomme, wie man sie verwendet, bleibt für McLuhan in der Haltung eines technischen Dummkopfes gefangen. Auweia!

So ganz unwichtig ist der ›Inhalt‹ eines Mediums dann aber doch nicht, schließlich wird dieser durch seine Form mitbestimmt und spiegelt damit das Wesen des Mediums sehr wohl ein Stück weit wider. Im Falle eines Telefonats zum Beispiel, egal ob Handy oder Festnetz, wird der Inhalt wohl akustischer Natur sein, im Falle von SMS und MMS besteht der Inhalt aus Text oder aus Bildern. Ein Duft jedoch wird es wohl kaum sein, den man verschickt oder ›erzählt‹. The medium is the message also auch im Sinne des sich in seine Inhalte eingravierenden Mediums. Haben vorhergehende Mediendefinitionen Medien als neutrale Durchgangsstationen gewertet, die Inhalte schlicht weitergeben, ohne sich in sie einzuschreiben,

So z.B. Fritz Heider. Seine Sicht der Dinge und Medien in Alles Medium oder was.

wird nun deutlich, dass Medien mittels ihrer Inhalte auch immer auf ihre materiellen Eigenschaften und Bedingungen verweisen. Medien machen sich in ihren Inhalten bemerkbar, lassen sich aber weder auf ihre Einschreibekraft noch durch ihre Fähigkeit, Dinge oder Inhalte zu übertragen oder zu speichern, reduzieren. Es sind die Effekte der Medien, die sie in erster Linie auszeichnen, die persönlichen und sozialen Auswirkungen, die sie hervorrufen, und nicht deren Formen oder Inhalte.

»Denn die ›Botschaft‹ jedes Mediums oder jeder Technik ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt.« McLuhan, Die magischen Kanäle, S. 18.

Indem McLuhan bei der Definition von Medien ihre Inhalte ›ignoriert‹, leitet er eine völlig neue Denkweise über und um Medien ein. Nicht was sie übertragen, vermitteln, speichern, zählt, sondern wie sie es tun. Ihre Logik, ihre Kraft, das menschliche Zusammenleben zu gestalten und zu steuern, wird entscheidend.
Und obschon manche Überlegungen McLuhans durch die Entwicklung der Medien und der Technik seit den 1950er Jahren überholt scheinen, stellen Medienwissenschaftler immer wieder fest, dass sich nachfolgende Medientheorien nach wie vor aus dem weiten McLuhan’schen Fundus bedienen, dessen Pionierarbeiten zum Thema Medien damit immer noch aktuell sind. Ein Gründervater, der immer noch Pate steht.

Nun zu dir, Marshall

Doch auch hier gilt wieder einmal, es ist nicht alles Gold was glänzt, und so musste Marshall McLuhan damals wie heute jede Menge Kritik einstecken: Seine Theoriearbeit sei reduktionistisch, nicht fundiert und überhaupt sehr unwissenschaftlich aufgebaut, er sei ein Bauchredner und Wirrkopf und sein extrem offener bzw. essayistischer Schreibstil wissenschaftlich gesehen eine absolute Unzulänglichkeit.

Mehr zu den verbalen Maulschellen an McLuhan, insbesondere jenen, die Hans Magnus Enzensberger austeilte, verrät Rainer Leschke in Das Entstehen der Medienontologie aus dem Akt der Interpretation. Marshall McLuhan. Leschke, Rainer, Einführung in die Medientheorie, München 2003, S. 245–257, hier S. 253 f.

Aber in genau dieser Offenheit seiner Theoriearbeit liegt die Stärke McLuhans. Denn anschlussfähig werden seine Thesen gerade durch seinen überraschend anderen, den Leser zum Denken anregenden Stil: Jeder kann und soll mitdenken, sich selber ein Urteil bilden, gewisse Behauptungen annehmen oder ablehnen – das ist die konsequente Weiterführung seiner Verkündung vom Ende der Gutenberg-Ära. Denn sollte sich im heutigen Zeitalter der Elektrizität tatsächlich jede Wahrnehmung und jedes Denken neu strukturieren, muss auch die Wissenschaft neue Wege beschreiten und ›klassische Methoden‹ in Frage stellen. McLuhans Schreibstil wäre damit nichts anderes als die konsequente Umsetzung seiner wissenschaftlichen Thesen!

McLuhan würde die bis heute andauernden Diskussionen um seine Theorien womöglich mit einem Lächeln verfolgen, war er doch der Meinung, dass man klassisches, ausgrenzendes Denken nur überwinden könne, wenn man daran Kritik übe und so die Grenzen der eigenen Voraussetzungen überschreite. Auch sich selber hielt er nach eigener Aussage nicht für unantastbar und wäre gerne bereit gewesen, seine Meinung über Bord zu werfen, sobald er gemerkt hätte, dass sie ihn der Lösung eines Problems nicht näher bringt oder ihm jemand ein besseres Argument lieferte.

McLuhan, Marshall, Das Medium ist die Botschaft. The Medium is the Message, hg. von Baltes, Martin/Boehler, Fritz/Höltschl, Rainer/Reuß, Jürgen, Dresden 2001, S. 80 f.

In diesem Sinne: Irgendwelche Einwürfe oder Kommentare?

Zum Nach- und Weiterlesen:
McLuhan, Marshall, Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Bonn 1995 (1962).
McLuhan, Marshall, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Düsseldorf 1992 (1964).
McLuhan, Marshall/Fiore, Quentin/Agel, Jermone, War and Peace in the Global Village, San Francisco 1997 (1968).

Apropos Prothesentheorie:
Freud, Sigmund
, Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften, Frankfurt a.M. 2000 (1930).
Kapp, Ernst, Grundlinien einer Philosophie der Technik, Düsseldorf 1978 (1877).

Dieser Text stammt aus dem Buch Was mit Medien. Theorie in 15 Sachgeschichten