Obwohl es sicher niedlicher wäre, den folgenden Essay mit meinem kleinen Neffen Magnus zu beginnen – man stelle sich einen blonden schlanken Jungen mit blauen Augen vor -, erscheint es mir höflicher, mit dem bereits verstorbenen Philosophen Louis Althusser anzufangen. Schließlich war Althusser schon lange vor meinem Neffen da.
Bei seinen zahlreichen Lektüren der Theorien von Karl Marx kommt Louis Althusser immer wieder auf eine ‘Minimaldefinition des Materialismus’ Marxscher Prägung zurück. Diese Definition dient selbstverständlich dazu, den Marxschen Materialismus vom Idealismus eines Friedrich Hegel zu unterscheiden. Ohne Marx Leistung auch nur partiell schmälern zu wollen, hält Althusser dabei fest, dass dieser nicht eigentlich etwas erfunden habe. Der ‘materialistische’ Gegenstand, auf den Marx rekurriere – das ökonomische und/oder gesellschaftliche Verhältnis – sei vielmehr schon lange vor Marx existent gewesen. So hält Althusser fest:
‘Diese Bemerkung ist relativ banal, wenn es wahr ist, daß für den Materialismus jede Entdeckung nur die Form der Erkenntnis eines Gegenstandes produziert, der bereits “außerhalb des Denkens” existiert.’
Die Minimaldefinition des Materialismus – die ‘Existenz der Realität außerhalb des Denkens oder des Bewußtseins’ – markiert aber, so denke ich, nicht nur eine ‘konfliktuelle Differenz’ hinsichtlich idealistischer Philosophie oder der Ideologie des Bürgertums. Und sie bezeichnet auch nicht einfach ein grundsätzliches Misstrauen oder einen Verdacht, der dem Konsumbürger der westlichen Hemisphäre ein Mittel an die Hand gibt, beispielsweise Preis und Wert zu vergleichen, damit er nicht übers Ohr gehauen wird. Vielmehr legt diese Definition des Materialismus grundsätzlich eine Struktur fest, die zwar zugibt, selbst nicht Realität zu sein, dabei aber einen Gegenstand beschreibbar macht, der unbedingt Realität ist. Dieser Gegenstand wird im Marxismus (Marx) oder Postmarxismus (Althusser) eben als gesellschaftliches und ökonomisches Verhältnis gedacht, dass wesentlich außerhalb des Denkens existiert. Dabei ist die Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen schon so oft gestellt worden, dass sie nur mehr wie eine Art Hintergrundrauschen oder auch wie eine stille Form des gossiperscheint. Um mir Mut zu machen, sie dennoch zu stellen, gestatte ich mir einen Vergleich: Die Frage nach der Atmung ist nämlich bislang weitaus öfter gestellt worden, als die nach gesellschaftlichen Verhältnissen. Dennoch wäre es mehr als zynisch, sich die Frage nach dem ‘Was, Wie und Warum’ der Atmung zu verbieten, wenn vor einem ein dreijähriger Junge steht – und hyperventiliert. In diesem Sinne ist die Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen vielleicht zu differenzieren. Man könnte zum Beispiel einwenden, dass es eine ‘Gesellschaft’ eigentlich gar nicht gäbe – oder das bis dato gar nicht klar sei, wie eine ‘Gesellschaft’ präzise zu definieren ist. Dennoch hilft mir diese Frage, soziale Verhältnisse als etwas anzuerkennen, dass nicht nur außerhalb meines Denkens passiert, sondern das vor allem schon lange vor meiner eigenen Existenz Realität war. Um derartig materialistische Verhältnisse zu beschreiben, möchte ich der von Althusser vorgelegten Definition des Materialismus eine Anekdote hinzufügen, die aus dem Leben meines dreijährigen Neffen Magnus stammt.
Mein Neffe Magnus ist in ein bereits komplett ausgestattetes Haus geboren worden. Dieses Haus ist etwas, was ich im Sinne des oben vorgestellten Materialismus für ‘real außerhalb seines Denkens’ halten würde. Besonders gut ausgestattet ist darin die Küche.
Magnus Eltern haben einfach alles: Parmesanmühle. Puderzuckerstreuer. Pizza-Rad.
Vielleicht interessiert Magnus sich gar nicht so sehr dafür – aber er weiß es. Ich bin fest davon überzeugt, dass Magnus es weiß. Neulich hat er nämlich seinen blauen Gummiball in der Küche seiner Eltern herumgepfeffert. Zack, auf die Anrichte. Zack, gegen den Kühlschrank. Zack, knapp an der Lieblingsvase seiner Mutter vorbei. Woraufhin seine Mutter ihn sich vorknöpfte. Das moralische Lieblingsziel einer christlich-bürgerlichen Ökonomie und Gesellschaft ist ja – seit dem Alten Testament und oder seit Adam Smith – das Individuum, das Subjekt. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt es, oder, ökonomischer: Wenn du fleissig an deinem eigenen Profit arbeitest, hilfst du der gesamten Wirtschaft. Magnus Mutter nahm ihn also bei der Hand, blickte ihm fest ins Gesicht und fragte ihn: Willst DU denn, dass jemand in DEINER Küche seinen Ball herumwirft? Da Magnus spürte, dass die Küche, die Doppelgarage, das Haus, der Garten, die Straße, die Stadt, die Nation, die Ökonomie und all diese Materialien schon vor ihm da waren, antwortete er seiner Mutter mit der einzig richtigen Gegenfrage. Er fragte:
WO IST DENN MEINE KÜCHE? (Hier kann hinzugefügt werden, dass Magnus seine Mutter sehr sehr liebt; im Mindesten so, wie sie ihn – was die Sache unendlich kompliziert werden lässt.)
Der Minimaldefinition des Materialismus, die Louis Althusser uns dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat, möchte ich diese Frage meines Neffen hinzufügen: WO IST DENN MEINE KÜCHE? Magnus sagt damit nämlich nicht nur aus, dass es eine Realität, eine KÜCHE gibt, die nicht allein in seinem Denken, Bewusstsein oder in seiner Phantasie existiert. Magnus drückt mit dieser Frage auch einen Egoismus aus, der – wie ich finde – zum Materialismus dazugehört. Dabei ist dieser Egoismus nicht mit dem oben angeführten biblisch oder ökonomisch moralischen Egoismus zu verwechseln, nicht mit dem Hilf dir selbst dann hilft dir Gott-Egoismus, der einen befähigt, gute Bewerbungen zu schreiben oder einen hübschen Lebenslauf zu zimmern - oder der einen aus Eigennutz davon abhält, in der Küche der Frau Mutter herumzutoben. Umgekehrt: Der materialistische Egoismus, der in Magnus Frage erscheint, erkennt seine eigene Existenz an, sein ex sistere, sein Im-Außen-Sitzen. Er erkennt, dass ihm selbst etwas Wesentliches voraus gegangen sein muss – ein Außen – damit er existieren kann. Magnus Ball, die Küche, die Vase und die Worte seiner Mutter hätten sich erübrigt, wenn all das nicht lange vor ihm schon da gewesen wäre. Im Zuge dessen kann er auch erkennen, was nicht per se ihm gehört, was er nicht durch sich selbst hat: Eben eine Küche. Jemand anderes mag an dieser Frage einen anderen persönlichen Mangel erkennen – zum Beispiel, dass ihm Edelmut und Großzügigkeit fehlen.
Abschliessend kann ich noch betonen, dass der egoistische Materialismus, den ich hier skizziert habe, nur mit Hilfe von Althusser und Magnus entstehen konnte. Derjenige reale Gegenstand, auf den ich mit meiner kurzen Skizze verweise und der wesentlich schon lange vor dieser Skizze existiert, besteht gleichermaßen aus Wörtern wie auch aus Fleisch und Blut. Und ich würde es nicht begrüßen, wenn man die Wörter einfach Althusser, und Fleisch und Blut einfach meinem Neffen Magnus zuordnete. Es gibt eine Realität! Ja! Aber es reicht nicht, einfach einen blauen Ball hineinzuwerfen, um Wort und Fleisch voneinander trennen zu können.
Simon Elson
Eine grundsätzliche und einführende Beschreibung der Marx-Lektüre Althussers findet sich besonders in:
Althusser, Louis: Ist es einfach, in der Philosophie Marxist zu sein? In: ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg/Westberlin 1977, S. 51-89.
Die oben gegebene ‘Minimaldefinition’ Althussers sowie das Zitat stammen aus:
Althusser, Louis: Über Marx und Freud. In: ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg/Westberlin 1977, S. 89-108.
