Friedrich Kittler, Rächer der Medientechnik
1942: Japan befindet sich inmitten des Zweiten Weltkrieges. Zu allem Überfluss überschatten Sorgen an der heimischen Front die Kampfhandlungen: Während das japanische Kaiserreich die Japonisierung (nipponka) der unterworfenen asiatischen Regionen forciert, zeigt sich das eigene Volk ironischerweise von der westlichen Kultur und Lebensweise beeinflusst. Um dem Verfall traditioneller Werte entgegenzuwirken, setzt die japanische Führung auf eine kontrollierte Freizeitpolitik, die die Moral der Nation festigen und für mehr Zusammenhalt sorgen soll. Das Zauberwort lautet goraku: Unterhaltung und Erholung! Frei nach dem Motto »Krieg und Spaß dabei« sollen rekurieeshon und refuresshumento
die japanische Bevölkerung nicht nur in Kriegszeiten stärken und für mehr Produktivität sorgen, sondern auch einer gemeinsamen nationalen kulturellen Identität zugute kommen.
Das vereinte Lachen der Nation vermag jedoch nichts gegen die Waffen der alliierten Mächte auszurichten: Am 6. August 1945 bringt ›Little Boy‹ etwa 200 000 Japanern den Tod. Auf Hiroshima folgt Nagasaki, Japan kapituliert. Doch die Verlierer geben sich nicht gänzlich geschlagen. Der japanische Kulturimperialismus harrt einer neuen Chance.
Und tatsächlich bringt der Zweite Weltkrieg nicht nur den Fluch der Atombombe über die Menschheit. Er hinterlässt ihr auch den Computer und die technischen Grundlagen für seinen ›harmlosen‹ Bruder: die Spielkonsole – das Freizeit-Medium schlechthin. Diese amerikanische Erfindung wird nirgends einen fruchtbareren Boden finden als in jenem Land, das Freizeit ohnehin als einen Bereich begreift, »in dem Gewohnheiten und Verhaltensweisen eingeübt, naturalisiert und weiter verarbeitet werden können«.
Aber noch ahnt niemand, dass ausgerechnet goraku made in Japan bald die Wohnzimmer dieser Welt erobern wird.
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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Was mit Medien. Theorie in 15 Sachgeschichten.
