Der französische Soziologe, Ethnologe und Anthropologe Marcel Mauss hat sich in seinem Werk unter anderem mit den Körpertechniken des Menschen auseinandergesetzt. Sprich, mit der Weise, in der sich die Menschen ihres Körpers bedienen. Oder anders ausgedrückt: mit den körperlichen Handlungen, die im Leben des Einzelnen sowie in der Geschichte der jeweiligen Gemeinschaft mehr oder weniger traditionsgemäß sind.
Spontan denkt man bei besagten Körpertechniken etwa an die winkende Hand als Grußgeste, das Übereinanderschlagen der Beine beim Sitzen oder aber auch ganz einfach die Art wie man den Griffel beim Schreiben hält.
Eine der von Mauss beschriebenen und diskutierten Körpertechniken ist der menschliche Schwimmstil. Heute, so stellt Mauss in seinem berühmten Körpertechniken-Aufsatz fest, bewegt man sich durch verschiedene Arten des crawl durchs Wasser. Also Gesicht unter Wasser gehalten und nur zum Atmen empor gestreckt. »Damals« sah das noch anders aus und ähnelte mehr einem Kopf-über-Wasser-haltendenden Brustschwimmen. “Zusätzlich hat man die Gewohnheit aufgegeben, Wasser zu schlucken und es wieder auszuspucken. Denn die Schwimmer zu meiner Zeit betrachteten sich als eine Art Dampfschiff”, fügt er illustrativ hinzu.
Der Wechsel dieser Körpertechnik hängt dabei mit einem Umbruch in der Schwimmerziehung zusammen. Lernte man früher noch erst das Schwimmen und DANN das Tauchen, so ist es heutzutage genau umgekehrt: erst lernt das Kind sich überhaupt im und unter Wasser zu halten – und zwar bestenfalls mit geöffneten Augen – und dann, in einem zweiten Schritt, bringt man ihm bei zu Schwimmen. Das Tauchen kommt im Lernprozess also an erster Stelle, was eine viel sportlichere, ›ergodynamischere‹ Schwimmmethode zufolge hat.
Wichtig ist für Mauss also die Erkenntnis, dass es keine ›natürliche‹ Art und Weise gibt, in der sich der Mensch seines Körpers bedient. Vielmehr manifestieren sich in den Körpertechniken körperliche Disposition (physiologische Komponente), individuelle Situation (psychologische Faktoren) sowie durch die Bezugsgemeinschaft geprägte Erziehung (soziologische Tatsachen). »Der Körper ist das erste und natürlichste Instrument des Menschen«, sagt Mauss. Oder anders: Der Körper ist die physio-psycho-soziale Schnittstelle zwischen Individuum und Gemeinschaft sowie Technik und Kultur.
Mit der Zeitgebundenheit von Bewegungsmustern beschäftigt sich auch der Artikel Soziale Bewegungen aus der Berliner Zeitung. Diese, so die Autorinnen, zeigt sich insbesondere an Tanzstilen. Früher noch von der Etikette diktiert und am Hofe studiert hat jetzt jede Epoche und jede musikalische Anhängerschaft ihre eigene tänzerische Ausdrucksmethode. Unterrichtet werden die Mitglieder über die neuesten Moves nicht nur im Club, sondern auch medial per Videoclip.
Beispiel gefällig? Bittesehr:
Ein Tanzstil, der durch Schwimmbewegungseinlage sicherlich auch für Mauss interessant gewesen wäre… Und passenderweise wurde das Instruktionsvideo auch gleich im Schwimmbad gedreht.

