
Neffe Schlomo zeigt seinem Onkel voller Stolz sein neues Spielzeug, einen Wunderblock (Zaubertafel). Doch Onkel Sigismunds Interesse wird erst geweckt, als er merkt, dass sich der Block gut für seine eigenen Zwecke mißbrauchen lässt. In seiner Euphorie geht er eindeutig zu weit …
… Das hatte Schlomo nicht erwartet. Warum ist sein Onkel nur so begeistert von seinem neuen Spielzeug?
Sigmund Freud erläuterte seine Theorien oft anhand technischer Errungenschaften seiner Zeit. Im Wunderblock fand er ein geeignetes Objekt zur Veranschaulichung seiner Theorie zur Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisapparates. Dies erläutert er in der „Notiz über den Wunderblock“ [in: Internat. Zschr. Psychoanal., Bd.11 (1925), S.1-5].
Ein Wunderblock (heute auch unter dem Namen „Zaubertafel“ bekannt) ist ein Kinderspielzeug in Form einer kleinen Tafel. Er besteht aus einer wachsartigen Schicht, die von einer Folie bedeckt wird. Auf der Folie kann geschrieben oder gezeichnet werden. Man benötigt dazu nicht einmal einen Stift, denn die Zeichen entstehen durch den Kontakt zwischen der Folie und der darunter liegenden Wachsschicht. Wird dieser Kontakt durch Abheben der Folie wieder gelöst, verschwinden die Zeichen und der Wunderblock kann von neuem beschrieben werden.
Welchen Zusammenhang (Analogie) sieht Freud zwischen Wunderblock und dem menschlichen Gedächtnis?
Nach Freud hat das menschliche Gedächtnis zwei Eigenschaften:
Es kann (1) sowohl unbegrenzt Informationen aufnehmen als auch (2) Informationen für unbegrenzte Zeit speichern.
In unserer Erfahrungswelt gibt es dagegen vorrangig Mechanismen, die nur eine der beiden Aufgaben beherrschen: Eine Schiefertafel z.B. kann unbegrenzt Informationen aufnehmen, da sie beliebig oft beschrieben werden kann. Da es aber notwendig ist, Informationen zu löschen, bevor Neues aufgenommen werden kann, können die Informationen nur für begrenzte Zeit gespeichert werden.
Beschreibt man hingegen ein Blatt Papier mit Tinte, bleiben die gespeicherten Informationen auf unbestimmte Zeit erhalten. Allerdings ist das Blatt bald voll geschrieben. Es kann keine Informationen mehr aufnehmen, ist nur begrenzt aufnahmefähig.
Freud beobachtete, dass der Wunderblock besondere Eigenschaft hat: Er ist unbegrenzt aufnahmefähig, weil er nach jedem Löschen wieder neu beschrieben werden kann. Und er speichert gewisse Informationen auf unbegrenzte Zeit. Das war es, was Freuds Aufmerksamkeit erregte. Er bemerkte, dass alles, was auf die Folienschicht geschrieben wurde, auch auf der darunterliegenden Wachstafel zumindest Spuren hinterlässt. Diese Spuren – in Form von Abdrücken und Kratzern – bleiben auch dann erhalten, nachdem die Oberfläche gelöscht wurde.
Ein Modell für die Arbeitsweise des menschlichen Gedächtnisses
Sigmund Freud hatte schon früher (in den Traumdeutungen von 1900) eine Theorie zur Arbeitsweise des menschlichen Gedächtnisses entwickelt. Darin unterteilte er den Gedächtnisapparat in verschiedene Systeme. Das System-Wahrnehmungsbewusstsein (System W-Bw), das alle von außen eintreffenden Informationen aufnimmt, und das Erinnerungssystem, in dem ausgewählte Informationen aus dem System W-Bw langfristig gespeichert werden.
Diese beiden Systeme glaubte Freud beim Wunderblock modellhaft wiederfinden zu können: Das System W-Bw verglich er mit der wiederbeschreibbaren Folie, denn beide haben die Eigenschaft unbegrenzte Mengen an Informationen aufnehmen zu können. Das Erinnerungssystem verglich er mit der Wachstafel, auf der nach jedem Schreib- Löschvorgang gewisse Spuren, Kratzer und Abdrücke vom Geschriebenen zurückbleiben.
