Selbstreferentielle Comedy – „Castle“ von ABC

In der neuen Serie „Castle“ von ABC (IMDB Link hier) verbinden sich mehrere Formate, die man normalerweise nicht miteinander in Verbindung bringen würde: Crime, Comedy und Sitcom. Ein erfolgreicher, populärkultureller Autor (Richard Castle, gespielt von Nathan Fillion) und eine Polizistin beim Morddezernat des NYPD (Kate Beckett, gespielt von Stana Katic), bilden das unwahrscheinliche Duo, das mit vereinten Kräften genauso unwahrscheinliche Mordfälle aufklärt.
So weit, so durchschnittlich. Doch was das Flair der Serie ausmacht ist nicht nur das extrem schnelle und auf Wortwitz getrimmte Scripting, sondern die mit viel Druck und schneller Musik vorangetriebene Montage. Schnelle Schnitte, schnelle Musik und mindestens drei Plot-Twists pro Folge, geben der Serie das Gefühl eines makabren Karnevals, der leicht außer Kontrolle geraten ist. Nicht nur die Morde, die dafür verantwortlich sein werden, dass „Castle“ diesen Herbst im späten 22h Slot (Eastern Time) zurückkehrt, sondern auch die zunehmend liebevollen Zankereien der beiden Protagonisten sorgen dafür, dass die Serie als guter Vertreter der seichteren Unterhaltungssparte einen erneuten Platz in der Senderplanung erhalten hat.
Einer der interessanteren Aspekte ist aber vor allem eine basale Selbstreferentialität, die sich wie ein roter Faden durch die Serie zieht: die Spannung zwischen Plot und Story. Denn während Detective Beckett primär daran interessiert ist, indexikalische Ketten von Be- und Verweisen aufzudecken und somit detektivisch die Morde zu lösen, ist der Autor Castle nur am Sensationswert und der Story interessiert, die ihm neues Material für seine Schundromane zur Verfügung stellen. Die ständige Verhandlung von Plot als Story und Story als Plot erzeugt eine merkwürdige Doppelung innerhalb der Serie. Regelmäßig erdichtet sich Castle plausible Lösungsszenarien für die Mordfälle, die dann innerhalb der Handlung verfolgt und geprüft werden. Bereits die Pilotfolge, in der mehrere Morde nach Vorlagen aus seinen Büchern begangen werden, thematisiert dieses Verhältnis von Erzählungen in Erzählungen, die sich ineinander verweben und verschachteln. Das Vergnügen, das die Serie bereitet, lässt sich zu einem großen Teil in genau dieser wechselseitigen Stabilisierung von plausiblen Szenarien finden, die sich als Plot und Story gleichzeitig entwickeln. „But it would make a much better story!“ ist einer der Sätze, die sich als paradigmatisch für Castles ungewöhnliche und unorthodoxe Herangehensweise an die Mordfälle lesen lässt, während Detective Beckett sich auf den Weg macht, um weitere Verdächtige zu verhören. Plot, Story, Montage und Musik arbeiten hier in einer Weise zusammen, die im Sinne Lorenz Engells als „TV-Pop“ zu bezeichnen wäre (der gleichnamige Essay von Lorenz Engell findet sich in diesem Buch) und sich ausschließlich als Oberflächenphänomen präsentiert. Gerade dieses Spiel mit verschiedenen und letztendlich oberflächlichen Interpretationen der Handlung, die parallel zu ihr vorangetrieben werden, erzeugt den Effekt einer immer schon zitathaft anmutenden Serie. Schnelles, unterhaltsames und visuell aufgeladenes Fernsehen, das seine eigenen kulturindustriellen Wurzeln an der Oberfläche zur Schau trägt und genau in dieser Feier seiner eigenen Visualität das erreicht, was andere Serien nicht schaffen, da sie versuchen, sich zu ernst zu nehmen. Castle ist ein schönes Beispiel dafür, dass Serien nicht immer die dramatische Tiefe brauchen, die große Serien groß macht („The Sopranos“, „Six Feet Under“, „The Wire“ und „True Blood“ wären Beispiele für letzteres), sondern auch dadurch interessant werden, dass sie genau diese Tiefe in der Oberfläche verneinen und im Modus des Wortspiels, der Kinderei oder der Karikatur hervorragend funktionieren können.

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