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	<title>Mediendenken.de &#187; Fernsehen</title>
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		<title>Der Aufstand der Dinge</title>
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		<pubDate>Mon, 11 May 2009 14:12:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sven</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war die heiße Phase eines Fußballspiels in der 83. Minute. Uefa-Cup Halbfinale Rückspiel zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen. Der Hamburger Abwehrspieler Michael Gravgaard will den Ball zu seinem Torhüter zurückspielen – und verstolpert… Oder doch nicht? Der Kommentator begleitet wie immer die Bilder mit seinem laufenden Kommentar: „Und Gravgaard guckt entsetzt auf den sogenannten Rasen. Ja da lag noch irgend was… Irgend was Weißes war da im Weg“. Die Kamera schwenkt auf den kleinen weißen Gegenstand, den Gravgaard bereits mit einem Tritt vom Feld befördert hat. Es ist nicht genau zu erkennen, was da liegt. „Da ist es, das corpus delicti! Sieht aus wie Papier“, lässt der Kommentator erneut verlauten und läutet damit die steile Medienkarriere eines Gegenstandes ein, dem man eine solche nicht zugetraut hätte (den Clip auf YouTube findet Ihr <a href="http://www.youtube.com/watch?v=q7jdLzDrddU&amp;feature=related">hier</a> ). Ehe der nächste Tag zu Ende geht, ist dieser kleine Gegenstand zu großem Ruhm gelangt: schicksalhafter Entscheider, Hassobjekt, Kleinod, Medienkuriosität, Museumsstück und Objekt zahlreicher Fälschungen. Wie kann ein solch unscheinbares Objekt eine derartige Kaskade von Reaktionen auslösen?<span id="more-2182"></span>Die Antwort auf diese Frage lässt sich mit einer Betrachtung des Feldes der Erwartungen beginnen, in dem der kleine Gegenstand auftaucht. Er taucht nämlich im Fernsehen auf. Und nicht nur das, sondern im „live“ Fernsehen einer Fußballübertragung. Dies ist an sich sehr unwahrscheinlich und genau hierin finden wir einen Ansatzpunkt, der uns etwas weiter bringt. Wenn man nämlich das Fernsehen unter dem Aspekt des „Monitoring“ begreift, wie er von Stanley Cavell entwickelt wurde, dann kann man eine Verbindung zwischen Wirklichkeit im Fernsehen und Wahrscheinlichkeit herstellen. Denn dadurch, dass in einer vorherigen Überlegung mehrere Kameras aufgestellt werden, um die televisuellen Ereignisse einzufangen, strukturiert sich die Erwartung von Ereignissen innerhalb dieses Sichtbarkeitsnetzes nach Überlegungen zur Wahrscheinlichkeit. „Wir haben hier einen weiteren Hinweis dafür gefunden, welch besonderes Verhältnis zur Welt sich im Fernsehen ausprägt: in ihm betrachten wir die Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt der Wahrscheinlichkeit“, um es mit den Worten von Jürgen Trinks auszudrücken (zu finden in seinem Buch <a href="http://www.amazon.de/Faszination-Fernsehen-Bedeutung-Weltbezugs-Gegenwart/dp/3631345291/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1242051868&amp;sr=1-1">Faszination Fernsehen</a> auf Seite 22). Gerade die Unwahrscheinlichkeit eines solchen unscheinbaren Gegenstandes ist es nun, der ihm zu derartigem Ruhm verholfen hat. Wenn man Kameras aufstellt, die ein bestimmtes Feld mit Sichtbarkeit überziehen, dann weiß man bereits vorher, was man im Normalfall dort zu sehen bekommt. In unserem Fall eines Fußballspiels sind dies der Fußballplatz, 22 Spieler, ein Ball, zwei Tore und zwei Linien- und ein Schiedsrichter – um einmal die wichtigsten Elemente zu nennen. Dennoch ist das nicht allein das, was durch die Kameras eingefangen werden soll. Es geht zwar um darum, diese Konstellation aus Personen und Dingen im Raum ihrer wahrscheinlichen Aktionen sichtbar zu machen, aber das ist ja nur der Hintergrund vor dem sich etwas abzeichnen muss. Die Spieler, das Feld, der Ball und der Schiedsrichter – all diese Elemente sind ständig auf den verschiedenen Monitoren eingefangen und bilden einen Strom von Bildern. Doch das Ereignis ist es, das in seinem unkontrollierten und plötzlichen Auftreten eingefangen werden soll. Beim Fußball sind dies im Normalfall Tore oder Fouls, d.h. auch hier nach Überlegungen der Wahrscheinlichkeit (und somit auch der Statistik) gegliederte Ereignis-Erwartungen. Das ist eben aber auch nicht alles. Denn immer kann auch ein Ereignis eintreten, das nicht erwartet worden war und gerade dann ist es ein wirkliches Ereignis im Sinne einer Singularität. Keine Wahrscheinlichkeitsüberlegung kann diese Ereignisse im Vorhinein in eine Erwartungshaltung überführen. Und gerade diese Unerwartbarkeit ist es, die dazu führt, dass sich das Fernsehen dann im Nachhinein auf solche Ereignisse stürzt. Sofort kommt die Wiederholung des Ereignisses in Zeitlupe: „Hier: Achtung! Ja! Ein Papierbällchen“ kommentiert der Kommentator nahtlos weiter und mit dem daraus resultierenden Eckball fällt das Tor, das Werder Bremen den Sieg beschert. Direkt nachdem das Papierbällchen den Ball zur entscheidenden Ecke abgelenkt hat, wird es sichergestellt – so informiert der Kommentator die Zuschauer – und nach dem Spiel wird es präsentiert, besprochen, in die Kamera gehalten. Auf YouTube häufen sich die Clips, die Papierkugel geht unrühmlich in die 122-jährige Vereinsgeschichte des HSV ein, wird als „Papierkugel Gottes“ bezeichnet, auf E-Bay gleich mehrfach angeboten und schließlich vom Sat1 Moderator dem Sportdirektor von Werder Bremen überreicht. &#8220;Das nehme ich mit. Die Kugel kommt ins Werder-Museum. Da wird sie einen besonderen Platz erhalten&#8221;, sagt dieser und somit schafft die Kugel es wohl  nun auch zum Museumsstück (Meldung und Zitat nach <a href="http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,623650,00.html">Spiegel online</a> ). Die unwahrscheinlichen Ereignisse und Dinge sind es also, die in einer solchen Monitoring Konstellation als wertvoll gelten. Sie einzufangen ist Erfolg des Fernsehens und doch etwas, das es selbst nicht herstellen kann. Gerade deshalb muss es ein solches Ereignis sofort wiederholen und eingliedern und mit Kommentar belegen – Und gerade deshalb legt eine Papierkugel auch nur im Fernsehen eine derart steile Karriere hin, die es dann in der Presse und im Museum fortsetzt.</p>
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